Reflexionen
einer Reise

Bolivien Chile Peru      Januar bis Juni 2000

von Andreas OttigerAmmann

 

Sumaj Orcko   -    Schöner Berg

 

Isla del Sol   -   Sonneninsel

Die Verwobenheit von innen und aussen
Verbindung
Berge
Ferne
Wege
Schwein, Fliegen und Toröffnung
Berührt von Licht und Liebe

 

 

 

 

 

 

 

Sumaj Orcko

 

23. Januar 2000, für ein paar Tage verweile ich in Potosi, Bolivien.


 

Im Reisehandbuch Bolivien Peru, von Kai Ferreira Schmidt, Reise Know-How Verlag, Ausgabe 1997, ist auf Seite 565 zu lesen:

„Potosi (152.000 Ew) ist mit 4065 m die höchstgelegene Grossstadt der Welt. Sie verdankt ihre Existenz den überreichen Silbervorkommen des Cerro Rico de Potosi, wie die Spanier den hinter der Stadt aufragenden, 4829 m hohen kegelförmigen Berg nannten. Für die Inka war es der Sumaj Orcko, was soviel bedeutet wie: „der Donnernde, der Auseinanderberstende“. Anmerkung: Anderswo wird es auch mit „Schöner Berg“ übersetzt. Entsprechend der Höhenlage ist es in Potosi dauernd kalt bis sehr kalt und trocken, im Juli/August kann auch Schnee fallen.

Geschichte:

Das Silber im Berg entdeckte im April 1545 Diego Hualpa. Er legte damit den Grundstein zur schnellstwachsenden Stadt Amerikas. Motor war die Silbergewinnung. Die Ausbeutung des Berges wurde unverzüglich in grossem Stil vorangetrieben. Unbarmherzig kommandierten die Spanier ganze Dorfschaften von Hochlandbewohnern in die unzähligen Bergstollen ab, die sich darin zu Tode schufteten.

Schon zwei Jahre später, 1597, wurde Potosi zur „Villa Imerial“ erhoben. 1573 zählte sie 120.000 Einwohner, 1650 nahezu 160.000 Einwohner (mehr als Madrid, Paris oder Rom in jener Zeit!).

Damit war sie die grösste Stadt des ganzen amerikanischen Doppelkontinents. Der Silberstrom in Spaniens leere Kassen nahm gigantische Dimensionen an. Bis 1660 wurden aus dem Berg mindestens 16 Mio. kg Silber herausgeholt. Potosi war die Schatzkammer Amerikas, „die Stadt, die der Welt am meisten gegeben hat“. Für die Indigenas war Potosi dagegen der „Eingang zur Hölle“. Verunglückten und starben die Zwangsarbeiter nicht in den Stollen, so erlagen sie früher oder später den unmenschlichen Arbeitsbedingungen in dieser Höhe oder an den Vergiftungen des Quecksilbers, das als Scheidemittel eingesetzt wurde. Nach Eduardo Galeanos Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“ hatten bis zum 18. Jahrundert bis zu 8 Millionen Indigenas den Tod gefunden.

...

Zur „Ader gelassen“ wird der Berg, der innen wie ein Schweizer Käse durchlöchert sein muss, jedoch noch immer. Sowohl von Bergbau-Kooperativen wie auch privaten Mineros. Doch während man früher im Berg nur einer Ader folgen brauchte, müssen die Mineros ihn heute stückweise sprengen. Erst viele Tonnen Gestein ergeben einige Kilogramm Erz. Frauen zertrümmern mit einem Hammer das Gestein um Zinnkörner zu finden.“

Ende des Zitats.



 

Sumaj Orcko

 


Wolken ziehen über dich hinweg,

spenden Schatten,

geben das Licht wieder frei.

In gleissendes Nachmittagslicht eingetaucht erhebst du dich vor meinen Augen in deiner vollen Grösse. Der Gipfel, der von hier unten zu sehen ist, scheint deine wirkliche Spitze zu sein. Abgesehen von mehreren Antennenmasten und einem Installationsgebäude, die etwas unterhalb deines Gipfels aufragen, krönt der Gipfel, frei von jeglichen menschlichen Einflüssen, wie unberührt dein Haupt. So hast du deine wahre Grösse bewahren können. Doch was weiter unten, unterhalb der Stahlmasten zu erkennen ist, ist etwas Ungeheuerliches, fast nicht möglich Scheinendes. Kaum finden sich Worte, die beschreiben können, was dir angetan worden ist. Wohl bist du nur aus Stein, wenig Felsen, vorwiegend Geröll. Wohl ist deine äusserliche Farbe vorwiegend braun, ockerbraun, manchmal mischt sich helles Beige ein. Wohl bist du in deinen Körperformen fast vollendet, bist rund und kegelförmig wie ein Vulkan in die Höhe gewachsen und ziehst die Blicke mit deiner Schönheit an. Oh, all dies lässt sich wunderbar beschreiben und gibt dein äusseres Sein wieder. Doch was mit dir geschehen ist, lässt du auch heute noch exakt erkennen. Zeigst, wo sie mit Hämmern und Meisseln, mit Bohrhämmern und Bulldozern, mit Dynamit und Chemie zu deinen inneren Schätzen vorgedrungen sind. Gut, sehr gut ist zu sehen, wie du angenagt worden bist. Fast kein Flecken deiner Haut ist ausgelassen worden. Überall wurde und wird an und in dir gewühlt.

Nicht nur deine Schönheit ist augenscheinlich, auch deine inneren Schätze und Werte waren einfach zu gut zu sehen. Es scheint dein Schicksal zu sein: Nie hast du sie verstecken wollen und so wurden sie dir genommen. Unbarmherzig, wohl nicht allzu viele Gedanken an dich verschwendend, wurde dir mit aller Macht dein innerer Reichtum entrissen. Auch dies lässt sich gut beschreiben; es ist unübersehbar, was sie deinem Körper angetan haben. Ungeheuer ist der Reichtum, der du gegeben hast. Und was wurde dir gegeben? Wie blutende Wunden sehen die grauen Flecken aus, aus denen dein Reichtum gewonnen worden ist. Als ob du ausbluten würdest, und niemand sieht es! Und dies schon Jahrhunderte lang. Oh, wie muss wohl dein wahrer Reichtum sein, der all dies hat möglich werden lassen? Wie gross, wie erhaben muss der Teil von dir sein, der sich nicht beschreiben lässt, der nicht mit Augen zu sehen ist?

Wer bist du?

Dein Reichtum, der dir genommen wurde, ist über die ganze Erde verteilt worden. Viele Münzen, ungezählte Schmuckstücke zeugen von deiner… ist es Herrlichkeit? Du bist ausgeschlachtet worden, um andere zu erfreuen, um anderen Macht geben zu können. Welche Macht trägst du in dir?

Noch immer lässt dein purer Anblick Betroffenheit aufkommen. Gewitterwolken thronen nun über deinem Haupt, ballen sich zusammen, werfen sich weit in den Himmel hinauf. Doch, wo bist du? Schmerzt es dich, wenn in deinen Eingeweiden Bohrhämmer erbarmungslos zuschlagen?

Kannst du schreien?

Dunkel werden die Wolken über dir, während die Stadt zu deinen Füssen noch im Sonnenlicht eingetaucht bleibt. Fast als sonnten sich deine Missetäter in dem Reichtum, der dir entrissen worden ist. Zu deinen Füssen leben sie und lassen dich ausbluten, durchforsten jeden Winkel, durchwühlen deine innersten Geheimnisse. Doch bei all diesen Ungeheuerlichkeiten… haben sie dich gefunden?

Haben sie dich überhaupt bemerkt?

Viele dieser Schatzsucher sind in deinen Eingeweiden gestorben. Haben wenigstens die dich in den Augenblicken des Todes gesehen, haben sie in diesen Momenten des Überganges deinen wahren Reichtum sehen können oder blieben sie weiterhin geblendet von deinen irdischen Reichtümern?

Äonen bist du schon hier, direkt vor meinen Augen… und bist nicht zu sehen. Nur, da ist etwas Unnennbares zu spüren, zu empfinden, es durchweht emotional die Sinne, lässt aufhorchen, lässt ein unbestimmtes Gefühl entstehen, das sich einer benennbaren Definition entzieht.

Regen beginnt zu fallen, tönt laut vom schützenden Blechdach hernieder, beruhigend, vertraut, etwas das schon immer gewesen ist und bleiben wird. Was wird mit dem Cerro Rico, mit dir geschehen, wenn dein ganzer irdischer Reichtum in allen Himmelsrichtungen über die Erde verstreut worden ist? Was ist dann? Wird auch dein Reichtum, der nicht von dieser Welt ist, sich über die ganze Erde ausweiten? Ist das dein Schicksal: Dass dein ungeheuer gebündelter, sichtbarer und unsichtbarer Reichtum in die weite Welt hinausgetragen wird, um im Kleinen zu wirken und losgelöst von deiner Quelle, davon zu zeugen, was du gewesen bist? Oder bleibt deine silberne Schönheit, deine zinnene Kraft unsichtbarer Welten weiterhin wie eine unfassbare Hülle um dein irdisches Haupt schwebend bestehen?

Regen fliesst über deinen Körper hinunter, durchtränkt all deine Wunden mit seinem köstlichen Nass, weicht verhärtete Narben auf.

Gemalte Bilder aus früheren Jahrhunderten bezeugen, du bist der heiligen Jungfrau geweiht und über dir soll der Himmel sein. Weisst du dies? In dir suchten sie ihr Glück auf Erden und über dir sollte es nach ihrem Tod himmlische Wirklichkeit werden. Bist du der Himmel auf Erden, der seine Schätze, seinen Reichtum gezeigt hat und ihrer gnadenlos beraubt worden ist?

Nebel beginnt dich einzuhüllen, lässt dein irdisches Antlitz entschwinden und noch immer ist es zu empfinden, das Unnennbare, das Nicht-Greifbare. Ist es deine Seele, die Wellen unfassbarer Kraft um deinen irdischen Körper herum wehen lässt? Ist es Schöpfungskraft, die in dir wohnt, die all deinen irdischen Reichtum hat entstehen lassen? Wie nur wirst du auf die Wunden, auf den Verlust reagieren, die dir widerfahren sind? Mit was, mit wem wirst du nun deine Schöpfungskraft paaren, teilen? Mit Wut? Mit Abwehr und Verschlossenheit? Mit liebevollem Zulassen, mit Liebe, die um all der möglichen Schatten weiss? Oder wartest du darauf, dass die Menschen beginnen, ihre Augen zu öffnen, ihre Ohren zu klären. Wartest du, bis sie mehr erkennen werden können, bis für sie erfahrbar werden wird, was sie in nicht erkennbaren Welten mit ihrem Tun anrichten. Ist das dein Schicksal, als Mittler zwischen den Welten da zu sein, solange wartend, bis deine wirklichen Reichtümer erkennbar werden? Wird dies jemals geschehen? Wird dies wie ein unaufhaltsamer Stich durch die Gefühlswelten der Menschheit gehen? Wird dieses Erkennen ihre Herzen aufbrechen lassen, allein durch all das, was dir widerfahren ist? Wird tiefes bahnbrechendes Mitgefühl aufflammen? Wird es altes verkrustetes Machtgehabe lösen können und Impulse auslösen, die in sich ein zart drängendes Streben tragen, mit mehr Achtsamkeit, mit weitgreifender Verantwortlichkeit mit all den erkennbaren Wirklichkeiten umzugehen, die um uns sind?

Bist du ein Vorkämpfer, einer, der es bewirken kann, dass alte verhangene Weisen abgelegt werden und Neues erkennbar werden kann? Allein dich mit deinen fast unmenschlich grossen Wunden zu sehen, berührt. Indem du dir Wunden zufügen lässt, schenkst du irdischen Reichtum und indem deine Wunden gesehen werden, schenkst du Möglichkeiten, durch innere Berührtheit an Reichtum von ungeahnten Werten herankommen zu können.

Nacht beginnt sich in die Täler hineinzulegen.

Der Regen trommelt jetzt fordernder, vibrierender, kühlend auf die Sinne ein. Wortlos stehst du da. Oder sind es die Gezeiten und Gegebenheiten der Natur, durch die du sprichst? Unaufhörlich und doch nicht gehört? Dunkelbraun, fast drohend ist dein Antlitz nun geworden, grau sind die Wolken, die deinen Hintergrund zieren. Doch, oh, über dir öffnen sich die Wolken, liebliches Weiss beginnt hervorzuquellen, zartes Blau, fast farblos, lässt durchscheinen, gibt frei, einen winzigen Blick auf den Himmel. Ist es ein kleines Zeichen deiner Herrlichkeit, deiner Grösse? Ist deine Kraft trotz all dem Geschehenen weiterhin ungebrochen Wirklichkeit gebärend am Schwingen? Noch schwebt ein wenig Grau über deinem Gipfel, während zartes Blau und helles Weiss sich ausweiten, aufbrechend, und mehr vom Himmel über dir erkennen lassen. Hat der Regen deinen irdischen Körper genährt, bist du durch ihn, wie in einer leichten Massage erschauernd, neu belebt worden?

Sumaj Orcko, „Schöner Berg“ haben dich die Ureinwohner genannt. Wussten sie, wer du bist? Haben diese Naturvölker dein Wesen erkennen können, es bemerkt? Haben sie gesehen, gefühlt, dass du mehr bist als nur ein Stück Berg, herausgeformt aus mächtig sich ergebenden Kräften?

Du siehst aus wie ein Vulkan, aber das bist du nicht. Die noch unberührten Felsblöcke auf deinem Gipfel zeugen davon, selbst hast du dich aus der Erde herausgedrückt, herausgewunden. Sie zeugen von der Kraft, die in dir geflossen ist und solch einen attraktiven Körper hat entstehen lassen. Die Gipfelfelsen quellen wie Mahnfinger aus dir heraus oder zieren wie zerzauste Haare dein Haupt. Wären da nicht die paar Antennenmasten, die kleine Hütte und ein paar mit Mörtel aufgeschichtete Steine, die deine wirkliche Grösse um wenige Steinlagen erhöhen, so wäre dein Haupt unberührt. Auch haben sich nur einige wenige alte Blechbüchsen und ein paar Petflaschen in deinen „Haaren“ verfangen können. So blieb deine Spitze fast weitgehend unberührt, unangetastet.

Ein schöner Berg bist du, trugst unermesslichen Reichtum in dir und unermessliches Leid beschwörten dir Menschen herauf. Nicht nur an dir, nein, an ihnen selbst haben sie es zu gelassen, dass mehr als 8 Millionen Menschen an deinem Staub, an deiner Hitze, an deiner Grösse und an dem blinden Durst und Hunger nach Macht und Reichtum schon in jungen Jahren elend zu Grunde gegangen sind. Alte verlassene Minen, die noch immer frei begehbar sind, die du nicht hast einstürzen lassen, zeugen davon, was vergangene Menschentage an dir angerichtet haben.

Heute zeigen weiterhin stumpf blickende Augen junger Bergleute, die mehr oder weniger freiwillig in deinen Eingeweiden wühlen, was sie in dir erleiden müssen. Dick sind ihre Backen mit zerkauten Kokablättern angeschwollen und die Mundwinkel heben und senken sich im Gleichklang mit ihren stoischen von Koka vernebelten Blicken. Doch etwas ist hinter diesen vernebelten Blicken, etwas Starkes, Kraftvolles, Abgeklärtes. Wie wenn sie auf etwas Unerklärliches, nicht mit Worten zu beschreibendes gestossen wären. Haben sie, tief drinnen in dir, eingehüllt von Bewusstsein veränderndem Koka einen Hauch von dir wahrnehmen können? Es sind Blicke, die viel mehr sehen, als der Verstand zulassen möchte. Sie sind stoisch und im Hintergrund tiefwirkend wissend und doch nicht zulassend, was gewusst wird.

Oh, Sumaj Orcko, seit Tagen berührst du mit deinem in mannigfaltiger Weise zerschundenen Angesicht die empfindsamen Sinne, und manchmal taucht bei deinem Anblick ganz vorsichtig eine Frage auf: Lebst du noch?

An einer deiner Seiten, von der grossen Stadt Potosi ausgesehen links, haben helfende Hände mehrere Hänge mit neuem irdischem Leben beschenkt. Tausende von jungen Busch- und Baumpflanzen wurden in die fast kahle, von Steinen übersäten Hügelkämme gesetzt und jedes einzelne Pflänzchen wurde durch knie- bis hüfthohe Steinkränze vor den gefrässigen Mäuler der Lamas und Schafen geschützt. Einige Pflanzen danken für dieses Umsorgtwerdent mit kräftig aufstrebendem Wuchs und versprühen mit ihrem Grün Hoffnung auf die Landschaft für ein unverzagtes, immer wieder aufkeimendes Leben. Doch daneben sind ungezählte, die zeigen durch ein, zwei kümmerliche grüne Zweige an, in ihnen wirkt etwas Leben, mehr will nicht sein und in etlichen Steinkörben zeugen verdorrte Setzlinge von Tod und Abgestorbenheit.

An deinen Hängen beginnt die Natur gezeugt von Menschenhand von neuem ihr ganz eigenes Spiel von Leben und Tod, während unermüdlich Maschinen von Menschenhand gelenkt dir nicht einen Tag Ruhe und Erholung gönnend an deinen natürlichen Schätzen weiter nagen. Und wenn du daran noch nicht gestorben bist, wirst du wohl noch lange leben. Dies erinnert an Märchen und vielleicht bist du auch eines. Oder spätestens dann, wenn du deiner letzten Reichtümer beraubt worden bist, wirst du der Vergessenheit anheimfallen und irgendwann wird die Legende oder das Märchen vom „Schönen Berg“ entstehen, das erzählen wird, welch einen Reichtum du dieser Welt beschert hast. Und vielleicht wird es auch von deinen wahren Reichtümern erzählen, wenn spätere Generationen ihren Blick, ihr Gehör, ihre Sinne geöffnet haben, um dich erkennen zu können. Werden sich dann all die gestellten Fragen in einer erkennbaren Weise beantworten lassen, wie es heute einfach noch nicht möglich ist? Wird dann dein unsichtbarer, nicht greifbarer wirklicher Reichtum erkennbar geworden sein? Wird dieses Erkennen, dieses Mehrwissen, die Menschen verändern? Oder wie müssen sie sich verändern, damit sie deinen Reichtum tragen können und zugleich bereit sind zu lernen, mit ihm in einer auch für dich ertragbaren Weise umzugehen? Es scheint, wenn einmal ein solch verändertes Bewusstsein möglich werden wird und im Wesen der Menschheit Einzug genommen hat, wird deine wahren Grösse wie durch Zauberei zum Vorschein kommen.

Sumaj Orcko, - bereitwillig zeigtest du deine Schönheit, deine silberne Kraft und wurdest ihrer unbarmherzig beraubt. – Bin ich nun bereit, meine Schönheit, meine innere Kraft zu zeigen und sie den Wünschen, Begierden und Hoffnungen anderer auszusetzen? – Du zeigst mir mit deinem standhaften Sein, dass es möglich ist, ausgeplündert und bis fast auf den letzten Tropfen Blut – für dich ist es Silber – ausgenommen zu werden und trotzdem ist weiterhin deine ungebrochene, Hoffnung tragende Ausstrahlung von gebender Liebe, mitgehendem Verstehen zu spüren, zu empfinden. – Du hast mich berührt, hast mich getroffen und hast mir sanft und ohne Hast liebevoll aufgezeigt, dass es möglich ist, seinen inneren Schatz freigebend zeigen zu können, ihn der Unbill von Tausenden von Herzen aussetzen zu können und trotzdem weiter ein unbändiges Vertrauen in die nicht fassbaren Wirkungen der unsichtbaren Schätze haben zu können: Dass irgendwann ihre in die ganze Welt hinausgetragenen Samen – Silbermünzen – einen nährenden Boden finden werden und beginnen werden,

aufzublühen,

aufzeigend,

was ihre wirklichen Schätze,

ihre wahren Botschaften sind.



 

 

Isla del Sol

Vom 19.Februar bis 18.März 2000 ist mein Zuhause die Isla del Sol, Titicacasee, Bolivien.

Allein sein - Meditation steht an - öffnend die Sinne, das Empfinden, nach und nach.


Im Reisehandbuch Bolivien Peru, von Kai Ferreira Schmidt, Reise Know-How Verlag, Ausgabe 1997, ist auf Seite 510 zu lesen:

„ Isla del Sol (Sonneninsel)

Die kleine Insel liegt etwa 20 km nördlich von Copacabana und hiess ursprünglich Titicachi, davon leitet der Titicacasee seinen Namen ab. Nach der Inka-Legende war hier der Geburtsort des hellhäutigen Schöpfergottes Wiracocha, des ersten Inka Manco Capac und dessen Frau bzw. Schwester Mama Ocllo. Damit wurde für die Quechua und Aymarâ nicht nur die Insel, sondern auch der Titicacasee heilig. Letztendlich ist die Isla del Sol also die Keimzelle des Inka-Imperiums. Auf der Sonneninsel gibt es einige Ruinen und viele terrassierte Hänge. Ein paar einfache Unterkünfte, Kneipen und ein Restaurant sind gleichfalls vorhanden.

...

Die Sonneninsel ist etwas über 5 km lang, an der weitesten Stelle ist sie 2 km breit. Die Längsachse verläuft von Nordwest nach Südost. Die meisten Ruinen liegen interessanterweise auf dieser Nordwest-Südostachse, auch der versunkene Ruinenkomplex von Marka Pampa vor der Nordspitze.

...

Die Unterkünfte auf der Sonneninsel sind einfach und preiswert. Für eine Übernachtung muss mit 2-5$ pro Person gerechnet werden.“

Ende des Zitats.


 

Die Verwobenheit von innen und aussen
Verbindung
Berge
Ferne
Wege
Schwein, Fliegen und Toröffnung
Berührt von Licht und Liebe

 

 

 

Die Verwobenheit von innen und aussen

Was Dich in der Aussenwelt berührt, in welcher Weise auch immer, hat einen nahen, sehr nahen Verwandten in der Innenwelt und dessen Sensoren werden ebenfalls leicht vibrierend berührt. Das Berührende lässt den inneren Verwandten aufhorchen, lässt ihn stutzig werden. Vielleicht wird er beginnen, den noch unerklärlichen Eindrücken zu folgen, nachforschend, hinterfragend. Im Idealfall wird er auf die Suche gehen um Inhalte aufzudecken, die schon längst geduldigst ihrer Entdeckung harren.


 

Verbindung

Als ich hörte, wie es auf der Isla del Sol (Sonneninsel) mit der Elektrizität bestellt ist, musste ich einfach geradeheraus lachen. Ich lachte der Besitzerin der Posada mitten in ihre Worte hinein, die sie mir auf die Frage: Wieso läuft hier in der Posada das Notstromaggregat? als Antwort gab. Die folgenden Tage musste ich immer wieder lächeln, wenn mir die Situation gewahr wurde, in der die drei Gemeinden auf dieser Insel steckten.

Das Lachen verging mir nach ein paar weiteren Tagen, denn diese haarsträubende Sache, in der ich mich mittendrin befand, zeigte mir nur zu genau auf, wie es in meinem Inneren aussah!

Doch ich will von vorne beginnen.

Diese „Insel der Sonne“, auf der es keine Strassen, nur Fusswege für Menschen, Lasttiere und andere Artgenossen gibt, kennt folglich keinen dauernden Motorenlärm, keine Abgase, keinen Staub, der von vorbeisausenden Gummipneus aufgewirbelt wird. Hier herrscht Ruhe, Stille, andachtsvolle Geruhsamkeit im Gehen, im Gespräch, im Handeln. Selten sind hier laute Worte, geschweige denn gehässiges Streiten zu hören – höchstens die Kleinsten, die noch nicht laufen können, lassen mal lautstark ihr Stimmvolumen erschallen.

Diese Insel bietet drei kleinen Dörfern eine Heimat, und praktisch das Einzige, das auf dieser Insel an die moderne Zeit erinnert, sind die nicht zu übersehenden Strommasten und ihre Leitungen, die sich quer über die ganze Insel ziehen. Wie überall auf der Welt ist auch hier auf dieser Insel nahezu jedes Haus und jeder Hof mit diesen Licht verheissenden Drähten verbunden worden. Ebenfalls nicht zum übersehen ist, wie bei jedem Hausanschluss aussen in die Lehmsteinmauerwerke der Häuser ein sehr modern wirkender Stromzählerkasten eingelassen wurde, damit durch die durchsichtigen Plexiglasscheiben hindurch der verbrauchte Strom bequem abgelesen werden kann. All dies sieht so intakt aus, dass ich über vierzehn Tage auf dieser Insel verbrachte ohne zu bemerken, was es hier mit der Elektrizität auf sich hat. Wohl wunderte ich mich, dass das erste Hostal Hijos del Sol, wo ich zehn Tage lang wohnte, keinen Strom hatte, doch es war eines der wenigen Häuser, zu dem keine silbrig glänzenden Drähte hinführten. Als ich nach einem kurzen Zwischenaufenthalt auf dem Festland auf die Insel zurückkehrte und in die Posada del Inca Mallku einzog, war es gut sichtbar, dass dieses Gästehaus ans Stromnetz angeschlossen war. Wie um das Gesehene zu unterstreichen, hing im Zimmer eine Neonlampe an der weiss getünchten Decke.

So erzählte mir die Besitzersfrau, als sie mir am ersten Abend die Suppe servierte, während der Lärm eines Notstromaggregators dumpf zu hören war:

„Nein, wir haben hier keinen Strom. Seit 24 Jahren warten wir schon darauf – doch bis heute ist noch nichts daraus geworden.“

„Aber … für was sind denn all die Stromleitungen?“ fragte ich ungläubig nach, nachdem das Lachen verklungen war.

„Hier auf der ganzen Insel sind die Stromleitungen und Anschlüsse bereit,“ führte sie weiter aus, „seit zwei Jahren ist alles soweit bereit, um Strom liefern zu können, doch die Verbindung zum Festland, die fehlt eben noch…“

„Und wie lange wird das noch dauern, bis die Verbindung steht?“ wollte ich weiter wissen.

„Das weiss keiner hier, vielleicht in zwei Jahren…“

Lachend schüttelte ich leicht den Kopf: Da ist die ganze Insel stromtechnisch fertig erschlossen worden, nur das Wichtigste, der Hauptanschluss fehlt! Was da manchmal für Dinge auf der Welt geschehen, es ist traurig und doch zum Lachen…

Am nächsten Morgen erzählte der Besitzer folgendes:

„Drei Stahlmasten müssen noch aufgestellt werden, um die 500m Luftlinie zum Festland hinüber überbrücken zu können und dies ist teuer, dafür fehlt noch das Geld. Zudem hat das nächstgelegene Dorf auf dem Festland bis heute auch noch keinen Strom… Und während der Nacht ist es an den vielen Lichtern wunderschön zu sehen, wie die anderen Dörfer an den Ufern des Sees bereits mit Strom versorgt sind.“

Wiederum musste ich lachen, als er dies erzählte, und auch in der nächsten Nacht, im Schein einer brennenden Kerze, erhellte immer wieder ein Lächeln mein Gesicht bei dem Gedanken, in was für einer Situation die Inselbewohner hier verweilen mussten. Doch eben das Lachen erstarb und machte einer leichten Betroffenheit Platz, als mir ein paar Tage später ein anderes Licht aufging.

„Ich stecke ja in einer genau gleichen Situation! Da bin ich durch jahrelanges Meditieren innerlich ebenso längstens bereit, alles ist „verkabelt“, ist zusammengefügt, angeschlossen, verbunden und ich bin bereit, doch eben, eines, DAS WICHTIGSTE, fehlt, der Anschluss, die dauernde Verbindung zu DEM, was ich ebenso seit Jahren anstrebe. Was bis jetzt ist oder war, gleicht wirklich einem Notstromaggregat, das bei einigen Meditationen länger, bei anderen nur kurz angelassen worden ist, und kaum ist die Meditation beendet, setzt es auch sang- und klanglos wieder aus… und lichtvolle Augenblicke entschwinden in der alles verschlingenden Dunkelheit.“

So bin ich, das Lachen ist verhallt, emsig am Überlegen, wie es denn möglich sein könnte, eine dauerhafte, starke, gefestigte Verbindung nach „oben“ zum „Festland“ herzustellen, um endlich andauernd lichtbringendes Elixier durch meine Leitungen fliessen lassen zu können.

 

 

 

Berge

Die Aussicht auf den Berg: Nevada Illampu, 6368m, löst folgende Worte aus.

Auch der höchste Berg, mag er alles überragen, mag er den weitesten, erhabensten Blick über die Welt erhaschen können, wird immer wieder von Zeit zu Zeit von Wolken eingehüllt, von Winden umweht und umtost von den heftigsten Gewittern, die diese Welt zu bieten hat.

Und manchmal gibt es Zeiten, da ragt der Berg ein bisschen über die Regen und Schnee verstreuenden Wolken hinaus und kann von oben, ein wenig abgehoben, den Dingen, die um ihn herum passieren mit ein bisschen Distanz, mit ein bisschen Losgelöstheit, zusehen. Er wird nicht in seinem ganzen Wesen von diesen Strudeln und Böen erfasst. Dies lässt es für ihn möglich werden, den Dingen mehr Andacht, etwas mehr Klarheit, Offenheit entgegenzubringen.


 

 

Ferne

Wozu mit den Gedanken in die Ferne schweifen, wenn ich schon in der Ferne bin!


 

 

Wege

Sucht man sich den Weg selber, wird, je höher man den Berg hinaufgestiegen ist und der Blick von hoch oben ins Tal hinunter geht, klarer erkennbar, welche anderen Wege auch noch hätten begangen werden können. Ihre verschlungenen Geheimnisse zeigend, treten sie nun an den Berghängen hervor. Doch die Wege, welche noch vor einem liegen, um den Gipfel erreichen zu können, sind weiterhin so gut wie unsichtbar den suchenden Blicken verborgen. Und weiter wird, neuen Mut und Atem schöpfend, der Weg zwischen hochaufgewachsenen Büschen und Felsblöcken hindurch Schritt für Schritt ertastet – fühlend, ein Gipfel ist nah.

 

 


 

Schwein, Fliegen und Toröffnung

Das momentane Zuhause ist ein Zimmer im dritten Stock dieser Posada (Gasthaus) mit Namen Inka Mallku. Von diesem Zimmer überblicke ich ungehindert die gesamte nähere Umgebung, die aus ebenerdigen einstöckigen Adobehäusern besteht. Auch die Umzäunung dieser Häuser besteht aus Lehmziegeln oder lose aufgeschichteten Steinen. Dadurch sind die entstandenen Innenhöfe fremden Blicken nicht zugänglich. Von hier oben im dritten Stock ist dies etwas anders. Hier geben diese familiären Plätze ungehindert ihre Geheimnisse preis und lassen erkennen, wie bei jeder einzelnen Familie das Haus- und Hofleben Tag für Tag abläuft. Dabei gibt es mehr zu sehen als nur das traute Familienleben. In Pferchen aus ebenfalls lose aufeinandergeschichteten Steinen leben auch noch Schafe, Schweine, Maulesel und Lama. Die einen Tiere haben etwas sauberere Gehege, andere Tiere wühlen auch gerne im eigenen Mist und entsprechend durchwühlt und dreckig gestalten sie ihre vier Steinwälle.

Weil nun die Regenzeit das Leben in dieser Umgebung prägt, sind vor allem die Schweinegehege schwarz triefende, mit Wasser gefüllte Sumpflandschaften. Da und dort gibt es Steingehege, die etwas wohnlicher eingerichtet sind und wo die Pferchbewohner sich bei Regen unter ein schützendes Plastikdach zurückziehen können.

Die meisten Gehegebewohner können von einem täglichen Ausgang in die nähere Umgebung profitieren. Die Schafe und die Lama sind täglich zu ganz humanen Zeiten unterwegs. Von etwa 9 Uhr morgens bis abends 5 Uhr 30 sind sie in Begleitung eines meist jüngeren Mitglieds der Familie auf Futtersuche. Auch die Esel können fast täglich diesen Service in Anspruch nehmen, ausser es ist irgendein Transport angesagt. Dabei müssen sie natürlich die ihnen angestammte Pflicht tun und die ihnen zustehenden Lasten an die gewünschten Orte hintragen. So gestaltet sich der Ausgang bei den verschiedenen Tiergattungen ganz unterschiedlich.

Die meisten Familien in diesem kleinen Dorf, das lieblich an die terrassierten Osthänge der sagenumwobenen Isla del Sol gebaut worden ist, nennen nur ein oder zwei Lamas ihr eigen. Zum Weiden werden diese fast ausnahmslos mit langen Hanfseilen an einen Busch oder einen Stecken, der mit einem in der Nähe herumliegenden Stein in den Boden gerammt wird, festgebunden. Die gleiche Art von Freiheit geniessen die Esel. Praktisch jede Familie hat ein, zwei oder drei graue „Yhaah-rufer“.

Die Schafe können ihren Ausgang normalerweise am ungebundensten frönen. Von einem Familienmitglied behütet und geführt, ohne in irgendeiner Weise angebunden zu sein, suchen sie die kargen terrassierten Hänge geduldigst, jeden noch so kleinen Halm erzupfend, nach Nahrung ab. Die Schafe werden auf jeden Fall begleitet, denn es gibt Terrassen, die mit Kartoffeln, Rüben und mit anderem grünen saftigen Gewächs kultiviert worden sind. Dies wäre ein gefundenes Fressen für die Schafe. Doch die Hirten führen sie gekonnt mit Zischlauten, Pfiffen und wenn es nicht anders geht mit gezielten Steinwürfen um die schmackhaften Plätze herum.

Die Schweine machen im Ausgang mehrheitlich die Bekanntschaft mit einem langen Hanfseil. Wobei Eber und Säue unterschiedlich behandelt zu werden scheinen. Die Muttersäue haben täglich ihren Ausgang und praktisch jede von ihnen wird dabei von mehreren Ferkeln begleitet. Sind die Jungen noch im Schweineferkelalter, genügt es, die Mutter mit einem Hanfseil anzubinden. Ältere Ferkel wollen sich gerne schon mal selbständig machen und benötigen deshalb auch eine eigene etwa 5m lange Leitleine, was sie nicht sonderlich zu stören scheint, denn aufgeweckt grunzend wühlen sie in ihren Wirkungsradius den steinigen, harten Boden um. Bei den Ebern ist der Ausgang nicht so eindeutig geregelt. Zwar besitzen sie zuhause gewisse Vorrechte. Dort hat jeder seinen eigenen Pferch und so können sie ungestört in ihrem Morast herumwühlen. Dafür werden sie nicht jeden Tag auf die Weide gelassen. So harren sie jeweils ungewisse Zeit aus, bis auch sie wieder in den Genuss von einer freien offenen Weidelandschaft kommen können.

Gleich zwei solcher Eberpferche liegen direkt drei Etagen unter mir. Lasse ich den Blick über die sanft abfallenden terrassierten Hänge gleiten, geraten die Pferche unweigerlich in das Blickfeld. Einer liegt etwas linker Hand und reicht fast an die Mauern der Posada heran und der andere ist etwas rechter Hand bei der anderen Ecke der Hofmauer gelegen. Während der linke Pferch von mehreren jungen Eukalyptusbäumen umsäumt wird, besteht der andere Pferch vollkommen nüchtern nur aus den vier Wällen von aufgeschichteten hellbeigen Steinen, die auf der Innenseite recht stark mit schwarzem schlammigen Schlick verdreckt sind. Beide Eber können sich eines kleinen Schutzdaches rühmen, das auch gegen den stärksten Regen standhaft Schutz zu bieten vermag. Zuweilen tönt entsprechend zufrieden das Grunzen beider zu mir herauf.

Es ist am Karnevalsmontag, der auch auf dieser abgelegenen Insel mit Knallfröschen und einander zugeworfenen wassergefüllten Ballonen begangen wird, da sich für den linker Hand lebenden Eber Ungeheuerliches anbahnt. An diesem Tag hat er keinen Ausgang und stöbert wie eh und je in seinem viereckigen Morastflecken umher. Nur, dass ihm wie auch schon an anderen Tagen diese vier Wände einfach zu klein sind, und so stupst er mit seiner Nase, wie auch schon zu anderen Zeiten, ein wenig schnuppernd, ein wenig stossend an den aufgeschichteten Steinen herum. Und hoppla, da ist sein Drängen wohl etwas stärker als sonst und prompt fallen vor seiner Schnauze laut klatschend zwei schafskopfgrosse Steine herunter und bespritzen ihn zugleich mit schlammigen schwarzem Morast. Der Eber reagiert auf dieses ungewöhnliche Ereignis mit einer schnellen Kehrtwende zum gegenüberliegenden, zugesperrten Ausgang. Und wie wenn nichts gewesen wäre, schnuppert er nun am grossen Türstein, der seinen Pferch abzuschliessen hat.

Zwei Grunzlaute später will er doch wissen, was da vorgefallen ist und kehrt zu den heruntergefallenen Steinen zurück und beschnuppert sie neugierig. Nachdem sie genügend beschnuppert worden sind, setzt er ungeniert seine dreckigen Haxen auf sie und entdeckt mit seiner Schnauze ein klaffendes Loch in der Mauer. Es ist gerade so gross, dass seine schmale Schnauze hindurch passt, was ein freudiges Grunzgeräusch zur Folge hat, wohl auch, weil direkt hinter dem Loch, gerade in Reichweite der Nase, ein saftiger, grünblättriger Strauch beheimatet ist. Vorsichtig schnuppert er weiter diesen Düften entgegen, wodurch die Steinmauer bedenklich zu schwanken beginnt und einige Steine beängstigend stark hin und her wackeln.

Doch nichts passiert, das Schwein hat genug geschnüffelt und wendet seine Aufmerksamkeit wieder dem grossen, die Freiheit verheissenden Türstein zu. Der hingegen macht keinen Wank, als die schwarz verdreckte Nase ihn sanft zur Seite stossen will. Ebenso wenig nützen die folgenden Grunzlaute etwas, es bewegt sich nichts und das Schwein bleibt eine Weile still vor dem verschlossenen Türstein stehen, nur ab und zu hebt es seinen Kopf, als ob es scharf nachdächte. Es folgt ein entschlossener Ruck und eine Kehrtwende und vorsichtig vortastend wird wieder an der Bescherung herumgeschnuppert. Der grüne Strauch lockt, lockt so stark, dass jedwelche Vorsicht dahinschwindet und hoppla, die Mauer wackelt, es fallen wieder zwei Steine polternd auf die vorher gefallen herunter und das Schwein rennt wiederum schnurstracks zur gegenüberliegenden, immer noch verschlossenen Ausgangstüre hin.

Inzwischen ist es schon fast fünf Uhr nachmittags und ich bin mit meiner ganzen Aufmerksamkeit bei dem Schwein. Noch gut eine Stunde bleibt ihm, um in die Freiheit hinaustrotten zu können. Eine Stunde, dann kommt seine Besitzerin und wird das Schwein füttern wollen. He, Schwein, noch eine Stunde!

Das Schwein stupst wieder vorsichtig drückend am verschlossenen Türstein herum, während nun auf der anderen Seite die Steine in einer sehr exakten schweinsgrossen Breite aus der Mauer gefallen sind. Zugleich haben sie innen eine Rampe gebildet, so, dass nur noch über sie hinweg in die Freiheit gelaufen werden könnte. Diesen Umstand muss das Schwein gerochen haben. Es wendet sich, wiederum zaghaft, zu der von ihm angerichteten Bescherung hin, steigt mutig auf die heruntergefallenen Steine und kann sich nun genüsslich an den saftigen Blättern laben. Bei diesem Fressgelage fällt noch ein weiterer Stein herunter und nun ist der Weg in die Freiheit vollkommen offen und frei. Grünes Gras wird erkennbar. Herrlich riechende Blumen lassen ihre Düfte herüberwehen, zeigen auf, was alles jenseits der Mauer zu finden ist. Doch das Schwein steht schon längst wieder bei dem grossen unverrückbaren Türstein. Noch ganz aufgeregt vom Herunterfallen des letzten Steins grunzt es leicht beunruhigt in den festsitzenden Türstein hinein.

Hier oben auf meinem herrlichen Ausgucksort macht mich dieses Treiben vollends kribbelig. Hier, wo ich weit über den tiefblauen Titicacasee hinwegblickend die weissen Gipfel des Bergs „Nevada Lllampu“ und Teile des Gebirgszuges „Cordilliera Real“ sehen kann, ein Ausblick, der dem Schwein praktisch gänzlich verwehrt ist. Fast nicht zum Zuschauen ist die Situation unter mir. Da ist dem Schwein endlich eine Tür in die Freiheit offen und was tut es: Es grunzt, selbst wohl ein bisschen verwirrt von dem, was vorgefallen ist, weiterhin vor dem schwarzbetupften geschlossenen Türstein vor sich hin und will dort hinaus.
Eine gute halbe Stunde bleibt dir noch, du Schwein, bis dahin kannst du Freiheit geniessen. Bestraft wirst du wohl so oder so wegen dem, was du angerichtet hast. Nutze doch die Gelegenheit, ein Tor ist wie wundersam … weit offen…

Dem Schwein ist wohl nicht mehr geheuer, was ihm widerfahren ist. Nach einer geraumer Weile, nach mehrmaligem Hochheben der Schnauze, wagt es sich ganz vorsichtig wieder an die Bescherung heran. Doch die Schnauze schnuppert nun nicht mehr über den ersten der heruntergefallenen Steine hinaus. Mehr liegt einfach nicht mehr drin, weiter hinaus in die Freiheit zu gehen, wagt das Schwein nicht.
Und die Zeit – die Zeit der möglichen, wenn auch nur kurzen Freiheit, rinnt unwiderruflich dahin. Das Schwein rührt die heruntergefallenen Steine nicht mehr an, wartet wohl vertrauensvoll auf das Fressen, das ganz bestimmt kommen muss, und begnügt sich mit dem aufregenden Leben in den eigenen vier Wänden.

Doch meine Gedanken werden von diesem betroffen machenden Ereignis heftig angerührt. Viele Fragen drängen sich auf: Welches ist denn mein Pferch? Wohin zieht es mich? Wohin gehöre ich? In Meditationen strebe ich nach unbenennbarem Sein, nach Licht, nach nichtswollender, reiner, freigebender und nehmender, nicht wertender Liebe, strebe nach einem Sein, das jenseits dieser Welten ist, ein Streben, das altes verkrustetes, materiell bezogenes Sein auflösen will. Es ist ein Streben, das manchmal fast sprengend ist in seinem Drängen nach dem Unbekannten, nach dem Unerforschten. Solcherlei Streben wohnt jeder noch so kurzen Meditation inne.

Doch ein Suchen nach: WAS? Und WOFÜR?

Zugleich sind es nichtige Fragen. Sie wollen nur zerren, zurück in ein bekanntes Sein. Sie wollen bewahren, was bis jetzt gewusst, was bis jetzt erkannt werden konnte.

Meditationen, sie tragen in sich ein Lösen, ein Ablösen, ein Loslassen vom Bekannten, ein Forttreiben in noch nicht gewusstes Sein, ein Entfernen vom Betastenwollen, hin zu einem hauchfeinen Mitberühren lassen, durch unerklärlich vorhandene, neu entdeckte Sinne. Und manchmal, in unverhofften Augenblicken von fast unmöglich geglaubter Stille, springen nicht erkennbare Türen auf und geben Einblicke frei. Sie lassen es zu, Eindrücke von unbekannter Weite, Allgegenwärtigkeit oder Schönheit zu erhaschen. Freudigst betören sie in wild verspielter Weise mit den bekannten Sinnen. Sie lassen die Sinne erschwingen, lassen sie berühren und ein Öffnen auf vielen Ebenen setzt ein und lässt erstrahlen den hintersten und letzten Winkel von körperlichem Sein mit erquickensten Erlebnissen von andersartigem Sein.

Und wie leicht betäubt beenden sich nach solchen Erfahrungen die Meditationen meistens relativ geschwind. Der Geist, die Seele, das ganze Sein ist aufgewühlt und will das Erlebte sofort in die Schubladen von vergänglichem Sein einordnen, will es „verarbeiten“, und dies lässt unweigerlich die Türen der offenen Augenblicke wieder zugehen und der Ausflug in andersartige Freiheit wird beendet. Die Augen öffnen sich wieder im bekannten Sein und obwohl berührt von diesen kostbaren Momenten überdecken die Eindrücke der realen Welt in Sekundenschnelle die hauchfeinen Perlen, und als wäre praktisch nichts gewesen, geht das Leben in dieser Welt in fast gewohnter Weise weiter.
Nur manchmal, fast so wie es das Schwein tat, hebt sich, in tiefe erinnerungsreiche Gedanken versunken, der Kopf in die Höhe und wie wenn ein erneutes Suchen einsetzte, dreht sich der Kopf, schaut in die Runde und sucht, „schnüffelt“, getragen von erfahrenem verzückenden Licht, vorsichtig tastend nach offenen Türen, die irgendwo, doch ganz in der Nähe, seit Äonen vorhanden sind und nur darauf warten, betreten und durchschritten zu werden.

Und ich finde sie nicht!

Und ich komme mir zuweilen nicht nur vor wie das Schwein, sondern auch wie die Fliegen, die in diesem gegenwärtigen Zimmer, Tag für Tag, an den glasklaren durchsichtigen Scheiben hinauf und hinunter laufen und fliegen. Manchmal fliegen sie ungestüm voll drauflos und prallen mit einem dumpfen „Poff“ ans durchsichtige Glas.

Ja, wie die Fliegen komme ich mir vor. Im Zimmer ist ein Fenster, das hat in sich fünf Teile und der mittlere Teil ist ein Flügel zum Öffnen. So gibt es Zeiten, da habe ich diesen Flügel geöffnet und keine unsichtbar wirkende Scheibe würde die Fliegen daran hindern, hinaus in die weite unbekannte Freiheit zu entschwinden. Doch unermüdlich laufen, fliegen, surren die Fliegen auf der Glasscheibe direkt neben dem offenen Flügel hinauf und hinunter – stundenlang.

Und so ist es, wie ich mir zuweilen vorkomme – direkt neben einer offenen Türe zu sein, die bereit ist, die offen ist, mich hindurch zu lassen, doch ich bringe es nicht fertig, mich soweit von dem vorherrschenden Augenblick zu lösen und ein bisschen Abstand zu gewinnen, damit es erkennbar werden kann, wo in der Nähe der unsichtbare Durchgang sein könnte.

So gibt es Zeiten, wenn ich diese Fliegen sehe, da kann ich nicht anders und ich stupse, schiebe sie leicht mit meinen Händen zu dem offenen Flügel hin. (Hier auf 4000m über Meer gibt es eine Fliegenart, die lässt sich problemlos berühren und stupsen.) Manchmal muss ich heftiger nachhelfen, manchmal genügt ein Anstoss und in einem kurvenreichen Flug entschwinden die Fliegen leicht surrend in die sonnendurchtränkte Freiheit hinein.

Daneben gibt es Fliegen, die betasten eine Scheibe, gehen rauf und runter, fliegen hoch zur nächsten Scheibe, tun dort das gleiche, fliegen weg zum anderen Fenster vom Raum, tasten dort behände die Freiheit verheissenden durchsichtigen Scheiben ab, nehmen wieder Abstand, fliegen zurück zum ersten Fenster, suchen hier mit weit ausholenden Flügen nach einer Öffnung. Diese Fliegen bleiben nicht an einer Scheibe hängen, gehen weiter und finden schlussendlich auch den Flügel und wenn es erst noch die „Zeit“ ist, in der er offen ist, entschwinden sie in eine andere Welt hinaus und hinein, die durch selbständiges Streben gefunden wurde.

Wenn ich dies sehe, frage ich mich zuweilen schon: Wie offen, wie losgelöst, wie ausweitend ist denn mein Suchen, mein Streben? Und in Zeiten, wo ich scheinbar wie verhext nur immer an der gleichen Scheibe am Herumtasten bin, gibt es Augenblicke, da frage ich mich wirklich ernsthaft: Bin ich fähig, bin ich wirklich bereit, so locker und losgelöst zu werden, wie eine frei fliegende Fliege, damit es möglich wird, zum „richtigen“ Zeitpunkt, am „richtigen“ Ort, den geöffneten Fensterflügel zu finden?


 

 

Berührt von Licht und Liebe

Eine Stimme – die eher einem wortlosen Empfinden gleicht - teilt mit:

„Die Wogen der Meditationen, erlebt in stillen Momenten auf dieser sonnendurchfluteten Insel, haben dich berührt, haben dich erquickt und sind in dich hineingeflossen, haben dich durchdrungen. Licht und Liebe waren es, die gemeinsam in sich verwirbelnd deine Sinne stimuliert haben. Von Licht und Liebe bist du in umgreifender Weise betört worden, sie haben in dir ein Licht, ein wohliges Strahlen entfacht, das deine weiteren Wege in Hoch und Tiefs mit dir gehend beleuchten wird. Liebe und Licht haben sich gefunden, vermischt, vereinigt und neue Zeiten von gemeinsamer Schöpfung können nun beginnen.

 

AnOA, Andreas OttigerAmmann, Bewusstseinstrotter, Februar-März 2000

anoae.org
multidimensional.ch


 

 

Powered by Website Baker